Robert Menasse hat vor einigen Jahren geschrieben, dass »schon der Manchester-Kapitalismus nicht dadurch zivilisiert« wurde, »dass politische Entscheidungsträger die Kapitalisten submissest fragten, was diese denn benötigen würden, um konkurrenzfähig zu bleiben und den Standort ›Manchester‹ zu sichern, sondern im Gegenteil dadurch, dass die Politik dem Kapital Grenzen setzte und Schritt für Schritt vernünftigere Rahmenbedingungen gab. Hätte man die Kapitalisten gefragt, sie hätten ehrlich und glaubhaft und leider auch vernünftig (nach den Gesetzen ihrer Vernunft) versichert, dass ohne Kinderarbeit und ohne Zwölf-Stunden-Tag gar nichts ginge.
Es bedurfte politischer Entscheidungen, und sie mussten gegen mächtige Widerstände getroffen werden – aber sie wurden getroffen: Kinderarbeit wurde verboten, der Acht-Stunden-Tag durchgesetzt.« Weder die Abschaffung der Sklaverei noch die Erkämpfung der Bürgerrechte in den USA waren Ergebnisse herrschaftsfreier Kommunikation, und genau an diesen Beispielen sieht man, dass Modernisierung immer das Resultat eines mühsam erkämpften Abbaus von Privilegien ist.
Genau aus diesem Grund sind unsere Gegenwartsgesellschaft und ihre Politik so antiquiert: weil sie darauf verzichtet, Privilegien der Ressourcennutzung so einzuschränken, wie es in der Geschichte der Moderne immer der Fall war. Sie tritt genau deswegen auf der Stelle, weil Privilegiensicherung zum einzigen Inhalt des Politischen geworden ist.
Die Zukunft scheint der Welt des Westens weitgehend abhanden gekommen. In der permanenten Finanzkrise werden unablässig neue Schulden gemacht und Zukunftsrisiken eröffnet, die vornehme Namen wie »Rettungsschirm« oder »Europä- ische Finanz-Stabilisierungs-Faszilität« tragen. Ernst dreinblickende Aktentaschenträger laufen als Simulatoren einer sogenannten »Troika« vor in Athen aufgebauten Kameras herum, um so zu tun, als prüften sie die Finanzlage jenes Staates, von dem die ganze Welt weiß, dass er pleite ist und finanziell unrettbar. Die gefühlte Notwendigkeit, den Bürgerinnen und Bürgern daheim an den Bildschirmen so etwas Ähnliches wie Handlungsfähigkeit vorzuspielen, spiegelt die absolute Phantasielosigkeit der Politik: Alles, was ihr einfällt, ist, fiktives Geld in einen Markt zu pumpen, der wegen zu viel fiktivem Geld nicht funktioniert. Aber auch fiktives Geld muss natürlich irgendwann zurückgezahlt, also: aufgebracht werden.
Die gigantischen Staatsschulden sind aber keineswegs die einzigen Kredite, die die Politik aufnimmt und zur Begleichung an die Generation derjenigen weiterreicht, die heute Kinder und Enkel sind. Auch in allen Belangen der Sicherung künftiger Überlebensbedingungen wird dieselbe Schuldenwirtschaft betrieben wie in der Finanzpolitik: Überfischung der Meere, Versäuerung der Böden, globale Klimaerwärmung mit allen dazugehörenden Wasser- und Ernährungsproblemen? Lösen wir später.
ALLES IMMER
Dieser allumfassenden Diktatur der Gegenwart, die eine obszön antidemokratische Politikergeneration unter dem Rubrum »alternativlos« antreten lässt, ist die Zukunft radikal abhanden gekommen. Denn wofür eigentlich unablässig irgendein Schuldenland gerettet werden muss oder weshalb alle paar Tage eine neue Generation Handys oder Flachbildschirme, Elektrofahrräder oder Kühlschränke in die Läden kommen muss oder wieso man jede Überlebensrationalität einem Wachstumsfetischismus des Augenblicks opfert – dafür gibt es gar keine Antwort. Eine diktatorische Gegenwart erfordert aber auch keine Legitimationen – ihre jeweils aktuellen Not- und Bedürfnislagen liefern Frage und Antwort zugleich. Es geht um die schiere phantasiefreie Erhaltung eines status quo, der seine Existenzberechtigung schon dadurch zu erweisen scheint, dass er eben da ist und eine Welt des ALLES I M M E R vorhält, wo selbst noch Empfänger staatlicher Unterstützung genug bekommen, um als Käufer sinnloser Dinge auftreten zu können.
Die Frage, wie man eigentlich leben will, und wie eine nationalstaatliche Politik auszusehen hätte, die einem Ziel folgen würde – zum Beispiel dem einer nachhaltigen Sicherung eines auskömmlichen Lebensstandards – ist in der Attitüde des Rettens von irgendwas und Sparens für irgendwas total aus der Optik gerutscht. Aber diese Frage ist es, von der die Demokratie lebt: Demokratie ist ja die kommunikative Abwägung von Strategien, künftiges Leben zu gestalten, weshalb demokratische Entscheidungen rein logisch niemals »alternativlos« sein können. Demokratisch verhält man sich nicht im atemlosen Reagieren, sondern vor allem indem man seine »moralische Phantasie« bemüht.
PROMETHEISCHES GEFÄLLE
Nach Günther Anders besteht diese in dem Versuch, »die Kapazität und Elastizität unseres Vorstellens und Fühlens den Größenmaßen unserer eigenen Produkte und dem unabsehbaren Ausmaß dessen, was wir anrichten können, anzumessen; uns also das Vorstellende und Fühlende mit uns als Machenden gleichzuschalten.«
Anders nennt das Zerstörungspotential, das zwischen unserer Lebenspraxis und unserem mangelhaften Vorstellungsvermögen liegt, das »prometheische Gefälle«: Wir wissen alles über die kommenden Verhängnisse, sind aber so installiert in unserer Komfortzone, dass uns jede Bewegung aus ihr heraus nicht bloß als lästig, sondern als ganz und gar unmöglich erscheint. Moralische Phantasie haben Menschen, die es gewohnt sind, am Rande des Minimums zu leben, erheblich mehr als die, die bislang von der Möglichkeit des Mangels gar nichts ahnten. Und in gewisser Weise ist jenen die Zukunft auch viel präsenter als diesen: weil sie immer schon kalkulieren müssen, ob sie nächste Woche, nächsten Monat noch genug haben. Hier ergibt sich die moralische Phantasie schon existentiell; um die hochgezüchteten, abstrakten Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse, in denen unsereins lebt, mit moralischer Phantasie auszustatten, bedürfte es freilich mehr Anstrengung. Wenn aus dem Lifestyle of Health and Sustainability (LOHAS 1.0) der Lifestyle of Health and Survival (LOHAS 2.0) geworden ist, wird man sehen, wer damit dann besser zurechtkommt: ein Bauer aus Afrika oder ein Banker aus Frankfurt.
AUF VORRAT
Inzwischen werden in unserer Konsumgesellschaft etwa 40 Prozent der Lebensmittel nicht mehr verbraucht, sondern weggeworfen. Das heißt, viele Dinge werden lediglich noch gekauft, aber gar nicht mehr konsumiert. Das ist eine Entsorgung im Voraus, die bloße Verwandlung von Ressourcen in Dreck. Ist eine Gesellschaft einmal so weit gekommen, hat sich ihr Überlebenssinn verflüchtigt, und mit ihr all die vorkonsumistischen Fähigkeiten zur Verantwortung, Gerechtigkeit, Achtsamkeit. Ohne solche Kompetenzen wird es aber schwer sein, jenseits der Komfortzone zurechtzukommen.
Insofern müsste man jetzt beginnen, sich in einer anderen Praxis zu üben. Günther Anders empfiehlt ganz in diesem Sinn »moralische Streckübungen«, »Überdehnungen seiner gewohnten Phantasie- und Gefühlsleistungen«. Damit könnte man sich schon mal vorbereiten auf die Zeit nach dem peak oil, peak soil, peak everything. Oder besser noch: damit könnte man die Zeit nach dem ALLES IMMER vorwegnehmen und schon jetzt sein Leben umstellen – auf Vorrat.

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