Wie kommt die Maus heraus? Die Frage ging mir nicht aus dem Kopf, als ich die Kleine Fabel von Franz Kafka am brennstoff-Titelblatt gelesen hatte. Anscheinend hat die Maus nur die Wahl zwischen Katze und Falle. Aber das stimmt nur, wenn man der »Problem-Trance« erliegt – das Problem nimmt einen so gefangen, dass man keine Alternativen oder Lösungen mehr sieht. Die Maus hat es natürlich nicht leicht . . . und Kafka schildert die Situation so, als ob es keinen Ausweg geben würde – doch das Bild lässt vieles offen, und wer sich nicht festlegen lässt, findet mindestens ein Schlupfloch für die Maus...
Dazu aber müsste die Maus – und müssten die Leserinnen und Leser – gewissermaßen eine »Umwendung des Geistes« vornehmen, eine andere Sicht entwickeln, andere Begriffe und Kategorien finden, einen anderen Standpunkt, eine andere Perspektive einnehmen – »umkehren«, griechisch metanoéin, »umdenken«. Metánoia, »Umkehr«, ist eines der charakteristischsten Worte des Neuen Testaments. Typischerweise wird es meist fehlübersetzt: »tut Buße« heißt es dann und erzeugt einen Abschaltreflex. Doch metánoia kommt von noéin, »denken, erkennen« und ist mit gnosis, »Erkenntnis«, verwandt. Die Vorsilbe meta ist vieldeutig – jedenfalls zeigt sie eine Bewegung im Raum an, eine Richtung, die von bekannten Einschränkungen weggeht in einen offeneren Bereich – so in etwa könnte man dies interpretieren.
Gregory Bateson, Anthropologe und Vordenker einer ökologischen Vernunft, hat unter anderem die kreative Kapazität von Delfinen untersucht – als Wesen, die dem Menschen sehr nahe stehen. Dabei entdeckte er verschiedene Stufen: zunächst wiederholen die Delfine immer dasselbe Kunststück und werden dafür belohnt. Später aber bekommen sie nur dann einen Belohnungsfisch, wenn sie ein neues Kunststück dazu erfinden – eine Situation, die für Delfine wie Menschen ziemlich frustrierend war, wie Bateson berichtet. Doch dann kam der Durchbruch: plötzlich erfand ein Delfin nicht nur ein neues Kunststück, sondern eines und noch eines und noch eines, und es machte ihm sichtlich Spaß. Bateson kommentiert, dass der Delfin gelernt hatte, über den vorgegebenen Kontext hinauszugehen. Er ließ sich nicht mehr durch die Versuchsanordnung festlegen – für ein neues Kunststück ein weiterer Fisch – sondern wurde kreativ, wofür er natürlich ordentlich belohnt wurde. Das ist metánoia im eigentlichen Sinn: über die vorgegebenen Grenzen hinausgehen und kreativ Neues entdecken und schaffen.
Metánoia ist kein theoretisches Konzept, bezieht sich nicht auf technische Erfindungen, sondern betrifft mentale, emotionale Neuerungen, die für die Menschheit im Ganzen Bedeutung haben. Ein Beispiel für metánoia ist der Internationale Versöhnungsbund, der im August 1914 gegründet werden sollte – als Gegengewicht gegen die Kriegshetze. Dann brach der Krieg aus und die formelle Gründung konnte erst 1919 stattfinden. Heute gibt es den Internationalen Versöhnungsbund in mehr als 40 Staaten. Wer Hildegard Goss-Mayr, seit Jahren Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes, auf der Straße trifft, kommt ver- mutlich kaum auf die Idee, dass diese freundliche ältere Dame in den meisten Krisengebieten der letzten Jahrzehnte für den Frieden unterwegs war, zweimal für den Friedensnobelpreis nominiert wurde und mit ihrem Mann, Jean Goss, wesentlich an einer – gewaltfreien – Revolution beteiligt war.
Hildegard Goss-Mayr kam 1930 in Wien auf die Welt. Ihr Vater gehörte zu den Gründergestalten des Internationalen Versöhnungsbundes und engagierte sich in der deutsch-polnischen Versöhnung – eine enorme mentale Grenzüberschreitung erster Ordnung, die ihm Feinde eintrug. Während der NS-Zeit galt er als unzuverlässig und war daher arbeitslos und die Mayr-Kinder mussten in der Schule in der letzten Bank sitzen. Nach 1945 studierte Hildegard in Wien und New Haven (USA) Philosophie und schloss 1953 als erste Frau in Österreich ihr Studium sub auspiciis ab. Damals gab es klare Fronten: hier die guten »Westler«, dort die bösen »Kummerln« – oder umgekehrt. In dieser durch Denkverbote eingeschränkten Welt engagier- ten sich Hildegard Goss-Mayr und ihr Mann Jean Goss für den Ost-West-Dialog. Jean Goss war während des Krieges hochdekorierter Offizier im französischen Widerstand gewesen, bis er erkannte, dass er dabei nicht Hitler, sondern nur andere Soldaten tötete. Damals machte er die Erfahrung der Liebe Christi – eine Phrase, die banal und zugleich bombastisch klingt. Die Erfahrung veränderte sein Leben. Er gab den »Orden der Ehrenlegion« – die höchste militärische Auszeichnung Frankreichs – zurück und engagierte sich ab Ende der 1940er Jahre in der Friedensarbeit. Anfang der 1960er Jahre nahm das Ehepaar Goss-Mayr am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Mit einer Art Überrumpelungstaktik gelang es, wie Hildegard Goss-Mayr erzählt, ein Thesenpapier zur Gewaltlosigkeit nach dem Vorbild Jesu den Kurienkardinälen zu unterbreiten. Diese Vorschläge fanden dann Eingang in die Erklärung Gaudium et Spes (»Freude und Hoffnung«), in der die Konzilsväter das Verhältnis zwischen Kirche und Welt neu beschrieben. In Lateinamerika herrschten um diese Zeit Militärdiktaturen; immer wieder wurde das Ehepaar Goss-Mayr gemeinsam oder einzeln von Widerstandsgruppen eingeladen, um den gewaltfreien Widerstand gegen die Diktaturen aufzubauen. Das waren höchst riskante, geheime Reisen, bei denen Hildegard Goss- Mayr etwa Kardinal Dom Helder Camara, den Vater der Befreiungstheologie, traf und beriet, und auch den späteren Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel, der den gewaltlosen Kampf gegen die argentinische Militärdiktatur anführte. Überall, wo Krieg war, lud man sie ein, Seminare zur Gewaltlosigkeit zu geben – in Irland, im Libanon, in Afrika.
Der deutlichste Nachweis, dass Gewaltlosigkeit mächtiger als Gewalt ist, gelang auf den Philippinen. Als sich Anfang der 1980er Jahre dort im Untergrund der Widerstand gegen die Marcos-Diktatur bildete, luden Aktivisten das Ehepaar Goss-Mayr ein. In Seminaren bereiteten sie die Leute auf einen gewaltlosen Kampf gegen die Diktatur vor. Dazu gehörte zunächst eine grundsätzliche Änderung der Perspektive. So verhasst der Diktator Marcos und seine Günstlinge auch sein mochten: in der politischen Propaganda bemühte man sich, nicht Hassparolen, sondern positive Formeln zu verwenden. Wichtig war weiter, die soziale Lage zu analysieren – die ungerechte Verteilung des Bodens und der finanziellen Mittel, die Strukturen der Gewalt, die sich in vielerlei Form in der Verwaltung, Justiz usw. manifestierten. An deren Stelle sollten – schon vor der Revolution – neue Strukturen entwickelt werden, damit der Aufbau einer neuen Gesellschaft rasch geschehen könnte. Doch das vereitelten die weltpolitischen Umstände: 1986 forderten die USA vorgezogene Wahlen; Marcos versuchte das Ergebnis zu fälschen; und so kam es zum Aufstand. Zunächst waren es nur einige wenige, erzählt Hildegard Goss- Mayr, die sich getrauten, den Panzern ohne Waffen entgegenzutreten – und damit Erfolg hatten. Denn in den ersten Reihen der Demonstranten gingen Ordensfrauen im Habit und Priester mit, die vor den Panzern niederknieten und begannen, den Rosenkranz zu beten. Am Ende versammelten sich auf der EDSA, der sechsspurigen Autobahn, die Manila, die Hauptstadt der Philippinen, durchzieht, mehrere Millionen Menschen. Die Rosenkranz-Revolution war gelungen – das eigentliche Ziel, eine alternative Gesellschaft mit friedensfördernden Strukturen aufzubauen, war vor der Revolution nicht mehr gelungen. Das bedauert Hildegard Goss-Mayr noch heute. Für ihr Engagement bei der »Rosenkranz-Revolution« wurde sie 1989 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Die verbreitete Idee, dass mit dem Evangelium keine Politik zu betreiben sei, hat sie mit ihrem Lebenswerk widerlegt. Einer der wichtigsten Aspekte der Friedensarbeit bleibt die »Umkehr«, die Veränderung der Sichtweise. Manchmal, wie im Libanon, braucht es dazu drastische Mittel – dort organisierte Hildegard Goss-Mayr u. a. einen Marsch der Kriegskrüppel durch das vom Bürgerkrieg zerstörte Land und legte damit den Grundstein für erste Friedensverhandlungen. Denn spätestens dann war die verheerende Wirkung des Krieges klar und das Umdenken, der Friede, hatten eine Chance.
Die Veränderung der Sichtweise wird selten so drastisch und dramatisch verlaufen wie im Libanon oder auf den Philippinen. Oft sind das langsame, leise Prozesse, doch immer geht es um eine »Umkehr« – um ein »Umdenken«, um einen »kreativen Sprung«, um metánoia. Das Kriterium dafür, ob das Umdenken gelungen ist, heißt Gewaltfreiheit. Dazu gehört:
>eine umfassende Analyse der Situation, die die eigene Beteiligung daran miteinschließt;
>eine gerechte Lösung, bei der die Interessen aller Betroffenen berücksichtigt sind;
>der Dialog mit dem »Gegner«;
> ein Prozess, bei dem die Mittel nicht dem angestrebten Ziel widersprechen;
>und dieses Ziel wird nicht nur beredet, sondern auch gelebt, so gut es geht – als Keim des Neuen.
Der wichtigste und erste Schritt der Umkehr aber ist, schreibt Hildegard Goss-Mayr, an der Gewaltfreiheit sich selbst gegenüber zu arbeiten. Das ist vermutlich der schwierigste Schritt, denn wir müssen uns selbst vergeben und uns selbst achten. »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst«, heißt es im Evangelium.

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