Reisebericht von Huhki

teilnehmende Beobachtungen von Huhki

ERSTE MASAAI WALKING SAFARI


Erster Tag


Heute, eine gute Woche nach dem Aufbruch, ist es endlich soweit: Die Walking Safari von Wasso zum Lake Natron kann losgehen. An der Spitze Emmanuel, in traditioneller Kriegerkleidung, den Speer in der Linken. In der Mitte wir fünf Europäer. Den Schluß bilden zwei weitere Masaai mit den Eseln, welche Zelte und Trinkwasser transportieren.
Nach zwei Stunden Fußmarsch bergan gibt’s die erste Essenspause. Unsere Masais erweisen sich als perfektes Catering-Team mitten in der Wildnis und servieren für alle eine warme Mahlzeit mit Kaffee. So gestärkt überwinden wir die Berge und wenden uns Richtung Sonjo-Schlucht. Erste ‚Exoten’ der tierwelt machen sich direkt oder verhalten bemerkbar. Knallgelbe Pirole flattern auf, rund um Termitenhügel finden sich Grabespuren des Erdferkels. Unsere Masaais kommunizieren mit Vögeln, die wir nicht näher bestimmen können.
Immer wieder begegnen wir Rinderherden, deren Hirten oft noch kaum dem Volksschulalter entwachsen sind. Gruppen junger Krieger kreuzen unseren Weg. Geschmückte Damen mit einem halben Festmeter Klaubholz am Buckel.
Hier artikuliert sich alles in ‚Maa’, der nilotischen Sprache der Masaai, rauh, guttural, durchsetzt von Diphtongen – Übergangsvokalen, die noch zu subtil für unsere Ohren und Zungen sind. Swahili wird zweite Wahl, oft dritte nach Englisch. Männer grüßt man mit „Suppae!“, worauf sie mit „Eppa!“ antworten. Bei Frauen gilt ein ganz anderes Begrüßungs-Sprachspiel: „Takwenja!“ – „Ikko!“.
Mit dem langezogenen Abstieg ins Sonjo-Tal ändert sich fast unmerklich das Biotop, von ‚Alpin-Savanne’ zum Regenwald. Die Berge öffnen ihre Flanken und zeigen Felsentürme, die schon alt waren, als die Saurier ihre Evolutionskarriere begannen. Von den seßhaften Sonjos kaufen die Masaai ihren Mais.
Unser Troß hat sich in die Länge gezogen, jede(r) taucht individuell in diese Welt der Baumriesen mit Luftwurzeln so dick, wie bei uns stattliche Eichen. „Die Sonjos erklären viele Bäume in ihrem Gebiet für heilig’“, erläutert Heini, „und bewahren so das Gebiet vor Abholzung.“
Die 34 Kilometer dieser ersten Tagesetappe merken wir kaum, als wir vielbestaunt die 2000-Seelen-‚Metropole’ Digodigo erreichen. Im Dorfgasthaus sind nur noch Terassenplätze frei, alles drängt sich vor dem TV-Kasten: Sensationsspiel Algerien – USA!
Wir profilieren uns – bis die Esel mit den Zelten eintreffen – als musikalische Botschafter unserer Heimat. Qualtinger-Songs und Volkslieder. Innerhalb einer Viertelstunde beherrschen die Kinder der Spitalsmission, einer Außenstelle von Wasso, das ‚Hollaredidia-Hollaregugu’ von ‚Peters Brünnele’.


Zweiter Tag


Heute treten wir kürzer und erreichen am frühen Nachmittag in der Ebene die Schule von Masusu. Es sind Ferien, nur der Lehrer mit seiner Familie ist geblieben und heißt uns herzlich willkommen. Hier dreht sich alles um sauberes Wasser, das mittels Eseln von weither in jeden Haushalt gebracht werden muß. die Zisternen reichen nicht.
Am Abend besucht uns ein einflußreicher Mann aus dem Dorf, eine Art Vorsitzender des Elternvereins. Er und der Lehrer sind begierig die individuelle Motivation unseres Marsches zu erfahren. Wir alle sprechen nach der Reihe über Beweggründe, Eindrücke, Visionen. Emmanuel übersetzt meisterhaft zwischen zwei Idiomen, welche für ihn Fremdsprachen darstellen: Englisch und Swahili.
Wieder kommt das Wasserproblem in den Fokus. Vorschläge werden erörtert, bis hin zur Möglichkeit artesischer Brunnen. Hier hat die Rede Zeit, sich zu entfalten. Das Schweigen zwischen den Worten verleiht ihnen Gewicht. Der Nachthimmel nimmt uns auf; man sieht sich mitten in die Milchstraße getaucht. Kein Teleskop der Welt kann diese Sternennähe vermitteln.


Dritter Tag


Der Lake Natron, unser Reiseziel rückt Schritt für Schritt näher und ist am Horizont schon zu erahnen. Aber noch längst ist es nicht so weit. Von der Hoch- zur Tiefebene zieht sich noch ein langer Pfad, schließlich genießen wir das erste Bad in einem Fluß, bevor wir uns durch einen breiten, schwer durchdringbaren Schilfgürtel zum Örtchen Pinini durchschlagen. Hierher scheinen sich wirklich selten Weiße zu verirren, denn wir sind die Sensation.
Das einzige ‚Gasthaus’ in Pinini mißt zwei Meter im Quadrat. Bier ist leider aus, doch der Wirt weiß Rat und besorgt welches beim ‚Großhändler’, eine Hütte weiter.
Am Abend wird ein Fest für uns veranstaltet. Wir bewirken, daß die obligate Ziege – die wir zum allgemeinen Verzehr kaufen – nicht erstickt, sondern geschlachtet wird.
Hier sind wir endgültig in einer anderen Welt angekommen. die gewohnten Kategorien der europäischen Zivilisation zerbröckeln; eine Grenzerfahrung, die jede(r) von uns ganz verschieden verarbeitet.


Vierter Tag


Im Gegensatz zu einer Fata Morgana kommt der Lake Natron doch näher. Eine riesige Wasserfläche, weit ausgedehnter als der Neusiedlersee, aber gefüllt mit laugigem Wasser, in dem nur Algen und Flamingos überleben können. Millionen Flamingos. Pavianfamilien, die unseren Weg kreuzen, werden häufiger. Wir bewundern die rosa Flamingo-Wolken und die Überlebenskraft der Natur in dieser menschenfeindlichen Idylle.
Als wir nach meilenweitem Marsch eine kleine Siedlung erreichen, in welcher momentan kein – nach europäischen Maßstäben sicheres – Trinkwasser aufzutreiben ist, schlägt die Psychologie zu. Der ‚Durst’ droht zum Problem zu werden, denn unsere Eselskarawane mit den Wasserreserven wird erst in ein paar Stunden eintreffen.
Die Masaai-Guides, seit Kindheit an schier endlose Durststrecken gewohnt, können sich nicht recht in diese typische ‚Wassersucht’ der Weißen hineinfühlen, aber Emmanuel meint nur „Ich schau einmal…“ und kommt nach zwanzig Minuten mit einem Lastwagen samt Chauffeur und vor allem etlichen großen Flaschen voll gekühlten Trinkwassers zurück. Wir legen die verbleibenden 16 Kilometer bis Engareku Seru auf der LKW-Plattform zurück.
Nach einer dreiviertel Stunde hat uns die Zivilisation wieder, mit Bett, Dusche und echtem Klopapier anstatt der strapazierfähigen Blätter, welche und die Masaai zu diesem Zweck empfohlen haben. Hier gibt es Strom und bestelltes Essen in improvisierten Wirtshäusern. Grund genug, über unsere extreme Abhängigkeit von Annehmlichkeiten zu reflektieren, über welche 80 Prozent der Menschheit nicht verfügt.


Fünfter Tag


Noch einmal ziehts uns in die Wildnis, zu den Wasserfällen am Fuß vom Vulkan Oldonyo Lengai (wenn man Glück hat, raucht und spuckt der Vulkan spektakulär). Hier sind elementare bergsteigerische Qualitäten gefragt, worin uns unsere Masaai-Guides wieder überlegen sind, sie hüpfen wie Gemsen von Fels zu Fels, der obligate Stock fungiert als drittes Bein.
Schließlich erreichen wir nach etlichen Flußdurchquerungen den Ursprung, donnernde Wassermassen, welche sich aus der Höhe des Regenwalds über uns in eine Art offene Grotte stürzen.
Mir ist als einzigem nicht nach einem Bad zumute, bis mir die Geister des Ortes die Entscheidung abnehmen: Ein Windstoß entführt meinen Hut in einen Wasserstrudel, es bleibt mir nichts über, als ihm nachzuspringen, um ihn zu retten.
Zurück im Ort warten wir in unserem Gasthaus – betrieben von zwei freundlichen Wirtinnen, die beide Naomi heißen – auf den Fahrer, der uns nach Endulen bringen wird. Das ‚Walking’ ist zu Ende, die Safari noch lange nicht…

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