[21-01-2008]
Da hatten wir Glück. Wir gingen am Abend zu Fuß den Lamayan Kudutu suchen. Ich wusste den Weg ungefähr. Unterwegs fragte ich manchmal die Vorübergehenden, ob das der richtige Weg sei und nach dreiviertel Stunden kamen wir in der Boma von Daniel an. Er lief uns schon entgegen, denn er hatte schon erfahren, dass wir kommen. Wir staunten über die Leistungsfähigkeit dieser drahtlosen, elektrosmogfreien Nachrichtenübermittlung.
Er zeigte uns sein Daheim. Kleine Hütten, mit Kuhdreck verschmiert. Kuhdung ist elastisch, also ein guter Verputz. Für die Kühe gibt es einen Dornenzaun, der sie in der Nacht vor den wilden Viechern schützt. Lamayan erzählte uns, dass zwei seiner Brüder bei der Manyatta wären.
Das ist ein Fest, wo ältere Morani ihren Übergang vom Krieger-Dasein in den Status eines »Älteren« feiern. Mit diesem Fest wachsen sie in eine andere gesellschaftliche Position und in eine neue Verantwortung hinein. Ob wir mit ihm morgen dorthin fahren möchten?
Am nächsten Tag fanden wir die Manyatta. Schon der erste Eindruck war ein Wahnsinn: 154 Hütten in kreisrunder Anordnung. In der Mitte ein runder Platz von mehr als 200 Metern Durchmesser, eine Fläche von mehr als drei Hektar. Ein unglaubliches Bild.
Jede Hütte gleich. Keine besser oder schlechter als die andere. Das Zentrum, der kreisrunde Platz. Eine riesige Gemeinschaftsfläche zum Tanzen und Feiern.
Sechs, sieben Wochen brauchten sie für die Errichtung der Manyatta. Dann zogen sie ein. Sie kamen aus einer Umgebung von mehr als 50 Kilometern. 154 Männer mit ihren Frauen und Kindern. An die tausend Leute kamen, um hier miteinander zu feiern. Das Fest begann Anfang Juli und dauerte bis Ende November. Sie feierten und feierten und feierten. Fünf Monate lang.
Und was war dann? Es war zu Vollmond Ende November, da zündeten sie alles an. Verbrannten alles, was für fast fünf Monate ihr Tanzboden und ihre Heimat war.
Ich wollte zuerst gar nicht mitfahren. Ich dachte mir, na, da verbrennen sie halt alles. Ich ahnte nicht, wie sehr mich das ergreifen würde: Mitzuerleben wie alles brennt. Alles brennt, was gerade noch so unglaublich schön war.
Dann lagerten sie in fröhlichster Stimmung, nur von einigen Tierhäuten geschützt, die halbe Nacht im Freien. Um drei Uhr früh brachen alle auf. Denn der Brauch verlangt, dass alle am selben Tag, an dem sie aufbrechen, daheim ankommen müssen.
In diesen fünf Monaten haben sie Freundschaften geschlossen, die das ganze Leben lang halten.
Ich ahnte nicht, dass das eines der stärksten Erlebnisse meines Lebens werden würde. Die Vergänglichkeit, in so einer Fröhlichkeit und Selbstverständlichkeit zelebriert, das habe ich nie zuvor erlebt.

Kurznachricht aus den Spitälern. Dank Eurer Hilfe kommen wir langsam aus der Krise heraus. Die wachsende Stabilität tut allen gut. Dem Spital, dem Personal, den Patienten. Ich habe mir vorgenommen drei Jahre lang dranzubleiben. Dann möchte ich lebendige Strukturen an meine Nachfolger weitergeben. Möge die Übung gelingen.
Heini Staudinger
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Heinrich Staudinger für Afrika
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