[24-10-2008]
Zeit ist Geld? Die meisten, die diese Redensart wiederkäuen, wissen gar nicht, wie Recht sie damit haben. Allerdings entspricht die Umkehrung der Reihenfolge den ökonomischen Tatsachen noch besser: Geld ist Zeit. Und das bedeutet: Der Preis einer beliebigen Ware ist proportional der menschlichen Arbeitszeit, die in ihr steckt.
Diese Wahrheit versuchen die Wirtschaftsherrscher und ihre publizistischen Büttel seit langem vor sich selbst und vor uns zu verbergen. Denn für sie ergibt sich der Preis aus Angebot und Nachfrage und sonst nichts – basta!
Damit wird ein Kapitalist als jemand dargestellt, der seinen Reibach aus geschickter Verkaufsleistung zieht, und nicht etwa aus der Übervorteilung der ›Mitarbeiter‹.
Durchschnittspreisfrage. Schon um 1800 präzisierte der britische Ökonom David Ricardo die Zweifel seiner Vorgänger: Es stimmt zwar – wenn die Nachfrage nach einem Gut steigt oder das Angebot verknappt, steigt auch der Preis. Aber woher, um alles in der Welt, fragten Ricardo und später Karl Marx, kommt der Preis, wenn Angebot und Nachfrage sich im Gleichgewicht befinden?
Und sie kamen zur Ansicht: Der Durchschnittspreis einer Ware entspricht der gesamten menschlichen Arbeitszeit, die in ihr steckt. Ein Risotto beim guten Italiener – resultierend aus eineinhalb Stunden sorgfältigem Nachgießen – kostet zurecht das fünfzehnfache eines Instant-Risottos aus der Mikrowelle. Ein handgefertigter Schuh, bei dem Schaft und Boden sorgfältig an die Brandsohle genäht werden, muß im Preis den Husch-Pfusch geklebten um ein Vielfaches übertreffen.
Auch wenn die Qualität gleichbleibt, zählt die menschliche Arbeit, die beispielsweise in einem Stück Stoff steckt. Deshalb der katastrophale Preisverfall durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls, der zu blutigen Weberrevolten führte.
Ricardo meinte, diese Arbeitswerttheorie (Preis=Zeitaufwand) gelte nur für gewerbsmäßig oder industriell hergestellte Güter, nicht aber für Kunstwerke, Liebhaberstücke oder gewisse menschliche Dienstleistungen.
Geld ist Zeit. Ich halte dieses Gesetz hingegen für universell. Der Mann, der für eine gebildete Schönheit von Edelprostituierter sein ganzes Urlaubsgeld hinlegt, zahlt die Zeit, die ein Durchschnittstyp durchschnittlich aufwenden müßte, um mit kreativem Balzen das Herz einer Frau dieses Kalibers zumindest für eine Nacht in Wallung zu bringen.
Wer für einen schönen Hämatit-Ammoniten 1000 € springen läßt, zahlt die Durchschnittszeit, um selbst einen auszubuddeln.
Der Preis für eine Defäkation auf Wiener Klos (schon bis zu 70 Cent) spiegelt die Durchschnittszeit wieder, um im Park ein wirklich sicheres Plätzchen zu suchen.
Ich sagte: Der Preis ist dem menschlichen Zeitaufwand proportional; was aber ist der andere Faktor? Carl Friedrich von Weizsäcker vermutete: die ›Informationsdichte‹ der Tätigkeit. Dass ein Neurochirurg, der innerhalb einer wahrhaft nervenzerreißenden Stunde eine Hirnblutung mittels Aneurismaklappe stoppt, entsprechend mehr verdient, wird auch der Straßenreiniger einsehen, der innerhalb derselben Zeitspanne fünfzig Meter stark verschmutzten Trottoirs sauber kriegt.
Des Rätsels Lösung. Natürlich ist alles, was hier skizziert wurde, enorm vergröbert und simplifiziert. Es gibt weiters auch genug kleine und mittlere UnternehmerInnen, die sich eher selbst zugunsten ihrer Angestellten ausbeuten. Wieder geht es nur um Durchschnitte von Durchschnitten.
Die Kernaussage bleibt aber politischer Sprengsatz. Wenn der Preis einer Ware sozusagen Qualifikation * Arbeitszeit ist, woher nimmt dann der sogenannte ›Arbeitgeber‹ seinen Profit? Es bleibt nur die Antwort: Vom ›Arbeitnehmer‹! Der Geber nimmt, der Nehmer gibt. Und die ›Wirtschaft‹ lebt von der allgemeinen Begriffsverwirrung. Huhki