[24-10-2008]
Vom Wahnsinn, der Methode hat. Der Filmemacher Erwin Wagenhofer im Gespräch über seinen neuen, unheimlich aktuellen Film.
"Wir erleben keine Finanzkrise, wir erleben eine Gesellschaftskrise." Erwin Wagenhofer, Regisseur
In Erwin Wagenhofers neuem Film geht es ums Geld. Geld als Mittel der Macht und als Herrschaftsinstrument. Von Ghana über Singapur, die Schweiz, Burkina Faso und London bis ins Steuerparadies Jersey folgt er der Spur des Geldes sowie jenen, die es verwalten, anderen wegnehmen, für ihre Zwecke einsetzen. Und er zeigt auf, welche Rolle wir alle in diesem weltweiten Finanzsystem spielen, auch wenn wir keine Aktien oder Fondsbeteiligungen besitzen, sondern bloß ein Konto bei der Bank oder eine Versicherung haben.
Mit dem Regisseur Erwin Wagenhofer sprachen Heini Staudinger, Huhki, Gabi Dorn und Moreau.
brennstoff Es ist schon ein Hammer, wie präzise quasi die Landung des Films zur Stunde erfolgt, wo es auf den Märkten wild zugeht. Wie bist du überhaupt auf das Thema »Geld« gekommen?
Erwin Wagenhofer Das Thema »Geld« hat mich schon vor »We Feed the World« beschäftigt. Und zwar gab es einen ganz konkreten Anlass: In einer Bank hab’ ich einen Spruch gelesen, den ich frappierend fand. Der Spruch lautete: »Lassen sie ihr Geld arbeiten«. Wenn man sich überlegt, was das eigentlich bedeuten soll, kommt jeder vernünftige Mensch drauf, dass das ein unfassbarer Blödsinn ist. Geld kann nicht arbeiten. Das kann jeder von uns überprüfen, man braucht sich nur zwei Wochen in einen Tresor legen und warten, was passiert. Ja, und da hab ich mir gedacht, das schau ich mir jetzt einmal an, wie das funktioniert. Der Film ist invers zu »We feed« – dort war das Thema, wo kommt das Essen her, hier ist es, wo geht das Geld hin.
brennstoff Du bist ganz schön herumgekommen auf der Welt, um zu schauen, wohin das Geld geht. Meinst du, dass mit diesem Querschnitt das Geldthema ausreichend in Bild und Ton zu fassen ist?
Erwin Wagenhofer Über alle diese umfassenden Themen könnte man hunderte Filme machen. Das Schwierigste bei diesem Film war – neben enormen organisatorischen Problemen im Vorfeld –, die Balance zu finden. Die Balance zwischen Informationen, die nur verbal zu liefern sind, und Bildern, die diese Informationen so veranschaulichen, dass die Leute dranbleiben. Dieser Film ist sicher nicht so leicht zu konsumieren wie der letzte. Das Leichteste ist, du suchst dir starke, aussagekräftige Bilder und lässt die Leute damit allein. Ich hab’ das ja selber gemacht. Ich brauch’ nur einen Hendlstall zu filmen. Die Passage dauert 20 Minuten im Film und war in zwei Stunden gedreht; da kannst du nichts mehr falsch machen. Was dann schon viel schwieriger ist: nämlich den Chef vom Hendlstall zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zum Reden zu bringen.
Um auf deine Frage zurückzukommen. Das Geldthema ist damit natürlich nicht umfassend abgedeckt. Aber der Film kann einen Einblick geben, wie es in unserer Gesellschaft mit der Verteilung des Geldes ausschaut.
Der Film ist auch gemacht für Menschen, die überhaupt keinen Tau vom Finanzwesen haben. Viele verstehen gerade noch den Begriff »Kredit«, manche »Rendite«, ganz wenige nur mehr »Kapital«. Ohne sich jetzt aber im Finanzwesen detailliert auszukennen, macht der Film deutlich, dass die Herausforderung für unsere Gesellschaft darin liegt, das Vorhandene gerechter zu verteilen, wie Hermann Scheer es am Schluss sagt. Darum ist der Goldabbau in Ghana am Anfang und der Scheer am Schluss. Dazwischen gibt es Geschichten, was so manche Leute mit unserem Geld tun. Herr Kovats zum Beispiel, einer der reichsten Österreicher, arbeitet überhaupt nicht mit eigenem Geld, sondern mit unserem Geld, mit dem Geld von Pensionskassen und Versicherungen.
brennstoff Im Film werden Zahlen von Geldmengen erwähnt, da kommt die Vorstellungskraft nicht mehr mit: Was sind 3,5 Trillionen Dollar?
Verständlich aber wird’s dort, wo es heißt, dass jeder Dollar, der in die Entwicklungshilfe rinnt, zehnfach unter dem Tisch wieder zurückfließt über Steuerparadiese wie Jersey oder die Kaiman Islands. Das ist anschaulich, aber zugleich erschütternd, weil wir die Folgen davon ganz konkret sehen können, z. B. in Afrika.
Erwin Wagenhofer Es werden im Film nur zweimal Summen genannt. Am Anfang von dem Finanzguru in Singapur, der 50 Milliarden verwaltet, und am Schluss die Trillionen in den Steueroasen. Da wird aber sofort gesagt, dass sich kein Mensch was darunter vorstellen kann. Aber wenn dieses Geld versteuert würde, wären alle Probleme mit einem Schlag beseitigt. Ein moderater Steuersatz für reiche Leute, denen das überhaupt nicht weh tut, könnte eine gewisse Steuergerechtigkeit herstellen.
Oder die Stelle, an der der leitende Chefredakteur der NZZ-Wirtschaftsredaktion, Gerhard Schwarz, erklärt, Geld und Waren sollen frei verkehren können, Menschen hingegen nicht. Die sollten so eine Art Eintrittsgebühr bezahlen, wie für die Mitgliedschaft im Tennisklub, als Anerkennung der Leistung jener, die schon vorher da waren, die die Räumlichkeiten aufgebaut haben, alles instand halten. Und im nächsten Abschnitt sieht man das Gold, das den Afrikanern gerade weggenommen wird. Da wird die Absurdität greifbar, an solchen Dingen wird der ganze Irrsinn erfassbar, nicht an Trillionen.
brennstoff Überholen die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen den Film?
Erwin Wagenhofer Wir stehen am Beginn einer gewaltigen, vielleicht der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten. Das dicke Ende kommt etappenweise. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, hat als einer der ersten gewarnt, daß die vielgerühmten »Selbstheilungskräfte des Marktes« nicht mehr ausreichen. Im Klartext: Der Staat muss einspringen. Die Ereignisse der jüngsten Zeit bestätigen die Grundaussage des Films.
brennstoff Bis vor kurzem waren viele ja noch der Ansicht, die Märkte regulieren sich selbst.
Erwin Wagenhofer Dieser sogenannte Neoliberalismus kann nur funktionieren mit der Rückversicherung des Staates. Während kollabierte Banken von der öffentlichen Hand rund um den Globus aufgefangen, verstaatlicht werden, rechnen sich diejenigen, die die Krise zu verantworten haben, schon wieder den Profit durch die Reprivatisierung in ein paar Jahren aus. Sie haben nichts gelernt aus der Selbstregulierungsschwäche der Märkte ...
brennstoff ... wie wir sie gerade jetzt miterleben.
Erwin Wagenhofer Genau. Der aus Vorarlberg stammende Privat Equity-Fondmanager Anton Schneider sagt, jetzt müssen die Notenbankgelder herhalten um die Wetten abzusichern. Das ist unser Geld. Viele Menschen wissen das nicht. Aber wir alle, die »kleinen Leute« sind es, die für die Spekulationen einiger weniger Mächtiger bezahlen.
Die Politiker haben es ermöglicht, dass in den letzten Jahren diese riesige Finanzdienstleistungs-Industrie entstehen konnte, die keiner braucht und die keinen Wert schöpft. Die nur die Gier der Leute anspricht, sie mit hohen Renditen lockt, damit sie ihr Geld in den globalen Geldkreislauf einspeisen.
brennstoff Ghandi hat gesagt, Einkommen ohne zu arbeiten ist unmoralisch.
Erwin Wagenhofer Aber auch wer keine Aktien besitzt ist beteiligt. Wir Konsumenten, Bank- und Versicherungskunden in den Wohlstandsländern wissen nur nicht, wo unsere Schuldner leben und wie sie es schaffen, uns die Zinsen zu bezahlen – oder daran scheitern und zugrunde gehen. Viele in den westlichen Industrienationen interessiert das auch gar nicht, weil sie einfach nur ihr Geld »arbeiten« lassen wollen, wie man es ihnen einredet. Das ist absurd: Wie gesagt, Geld kann nicht arbeiten, das können nur Menschen, mit und ohne Einsatz von Maschinen oder Tieren. Wir alle sind an diesem globalen ausbeuterischen System in irgeneiner Form beteiligt. Jeder von uns hat irgendeine Versicherung und sei es nur eine Pflichtversicherung wie Haftpflicht oder Pension ...
brennstoff ... oder die Abfertigungsrücklagen ...
Erwin Wagenhofer Wer weiß schon, an welche Spekulanten die Banken und Versicherungen unser Geld weiter verborgen? Nachdem das Geld selbst ja nicht arbeiten kann, muss irgendwo irgendwer anderer arbeiten, um uns die Zinsen für unser Geld zu bezahlen. Somit sind wir, wenn auch vielleicht unwissentlich, an der Ausbeutung der Menschen in Afrika, Indien, in den euphemistisch »emerging markets« genannten Ländern beteiligt. Guthaben und Schuld sind untrennbar miteinander verbunden, ja sie machen das Geldprinzip aus. Und wir alle sind ein Teil davon, solange wir mitspielen bzw. zuschauen, wie die anderen das Spiel gestalten, oder noch schlimmer: wegschauen. Diese sogenannte Finanzkrise ist im Grunde eine Gesellschaftskrise, die jeden einzelnen von uns betrifft.
brennstoff Es ist ein Phänomen in der Menschheitsgeschichte, dass sich die herrschende Schicht immer Werkzeuge hergerichtet hat, die zum Beherrschen und Ausbeuten dienen. Das Geld ist hierbei eine sehr elegante Klinge, kein Kanonenrohr, aber in der Wirksamkeit allem überlegen.
Erwin Wagenhofer Ja, Kovats zum Beispiel ist ein typischer »Businesskrieger«. Den interessiert nur, wieviel ihn seine Arbeiter kosten.
Und dann kommt dazu noch die Angst, die die Leute daran hindert, was zu verändern. Es ist ja auch interessant, dass niemand was tut. Die Politiker, die Medien schweigen oder beschwichtigen.
Wer weiß schon, dass die FED in privater Hand ist und Geld drucken kann, soviel sie will; bedrucktes Papier, das längst nicht mehr durch Goldreserven gedeckt ist.
Wieso bleibt der Dollar die Leitwährung? Wieso traut sich in Europa kein Staat, darauf zu bestehen, das Öl in Euro zu bezahlen?
Unser ganzes Wirtschaftssystem ist falsch, und bald ist es damit vorbei. Wobei das dicke Ende noch kommt, jetzt gibt’s den Crash.
Insofern ist dieser Film durchaus ein Aufklärungsfilm. Und er kann so etwas wie eine Initialzündung sein. Die Leute gehen raus aus dem Kino und diskutieren, beschäftigen sich weiter mit dem Thema, informieren sich übers Internet, lesen ein Buch darüber, wobei ein einziges Buch auch zuwenig ist.
brennstoff Es ist eine Frage der Haltung. Lass’ ich mir alles gefallen, oder tun wir uns zusammen und lassen uns eben nicht mehr alles gefallen.
Erwin Wagenhofer Das ist mein erster Film, der mit einem Ratschlag endet. Scheer sagt am Schluss, wir haben als einzige Chance, uns zu organisieren. Leider werden wir in diesem System von unserer Gier dominiert; sie war bisher die Haupttriebfeder. Unmittelbar können wir zunächst nur uns selbst verändern. Aber eine Umkehr des Bewusstseins ist schon der erste Schritt zur organisierten Aktion.
Der Film vermittelt zunächst die Einsicht, dass wir alle am Schluss die Zeche selbst zahlen müssen. Und dass sich kein Konsument der globalen Verantwortung entziehen kann. Wer ein Hemd aus China, Schuhe aus Indien erwirbt, kauft sozusagen die Produktionsbedingungen mit, er nimmt sie in Kauf, ob er oder sie will oder nicht. Das Ergebnis in den »emerging markets« ist immer das gleiche: 97 Prozent schauen durch die Finger, drei Prozent streifen den Profit ein.
brennstoff Gab es Leute, die das Gespräch mit dir verweigert haben?
Erwin Wagenhofer Josef Ackermann, den ich schon erwähnt habe. Der Chef der Deutschen Bank, einer privaten übrigens, hat den Termin am Drehtag platzen lassen. Seine Presseabteilung ist draufgekommen, wer ich bin. Wobei ich es recht kurios finde, dass sich der große Bankchef vor dem kleinen Filmemacher »fürchtet«.
brennstoff Was wünschst du dir, das dieser Film bewirken, auslösen soll?
Erwin Wagenhofer Ich wünsche mir, dass der Film beginnt ein eigenes Leben zu führen.
brennstoff Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für den Film! Wien, 22. September 2008
"Die beste Zeit zu kaufen ist, wenn das Blut auf den Straßen klebt." Dr. Mark Mobius, Präsident von Templeton Emerging Markets
Let’s make MONEY
Der neue Film von E. Wagenhofer
Österreich 2008 · 107 min
Mehrsprachig mit dt. Untertiteln
Im Kino ab 31. Oktober 2008
Trailer und weitere Infos
www.letsmakemoney.at
"Wo angeblich Geld arbeitet, gibt es immer irgendwo irgendjemanden, der ausgebeutet wird." Erwin Wagenhofer
Im Film gibt auch der US-Bürger
und erfolgreiche Buchautor
John Perkins Einblick in seinen ehemaligen Beruf als Wirtschaftskiller (Economic Hit Man) des Geheimdienstes. Die Arbeitsweise dieser Wirtschaftskiller ähnelt denen der Mafia, nur sind ihre Methoden professioneller und ihre Opfer Regierungen oder ganze Länder.
Senator Terry le Sueur, stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister von Jersey. Die kleine britische Kanalinsel ist ein Paradies für Steuerflüchtlinge und hält nach amerikanischen Schätzungen etwa 500 Milliarden Dollar an Privatvermögen.
»Wenn wir so weitermachen, dann kommen neue Selektionsmechanismen zwischen Staaten,
zwischen Rassen, zwischen Religionen, zwischen berechtigten Menschen und unberechtigten, zwischen wertvollen und nicht wertvollen Menschen, dann wird der monetäre Wert des Menschen irgendwann in den Vordergrund geschoben und dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.«
Hermann Scheer
In Singapur ist Dr. Mark Mobius unterwegs, der Präsident von Templeton Emerging Markets, die den derzeit größten EMFond der Welt mit ca. 50 Milliarden Dollar verwalten. In Finanzkreisen der Guru schlechthin, auch »Father of the Emerging
Markets« genannt, hält Mobius den Trend zur Globalisierung grundsätzlich für positiv. »Ich glaube nicht, dass ein Investor verantwortlich ist für die Ethik, für die Verschmutzung oder das, was eine Firma verursacht, in die er investiert.«
Der Neoliberalismus – von langer Hand geplant: Friedrich August von Hayek hatte im Jahr 1947 Intellektuelle eingeladen, auf dem Mont Pèlerin bei Genf über Liberalismus in Theorie und Praxis zu diskutieren. »Das Ziel der Gründer der ›Mont Pèlerin Society‹ war«, so Gerhard Schwarz, Leiter der Wirtschaftsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung und Präsident der Friedrich August von Hayek Gesellschaft, »ein intellektuelles Netzwerk aufzubauen. Man wollte nicht in die Politik hineingehen, sondern mit Ideen die Politik beeinflussen. Berühmt wurde die Mont Pelerin Society dann in den 80er Jahren mit Ronald Reagan und Mrs. Thatcher.«
Der Film beginnt in der Ahafo- Mine in Ghana, Westafrika. Riesige Areale werden gesprengt. In einem mü̈hsamen Prozess wird dem Gestein Gold entnommen, eingeschmolzen und dann direkt in die Schweiz geflogen. Der Verteilungsschlü̈ssel ist klar: 3% für Afrika, 97% fü̈r den Westen. Die Mine entstand mit Unterstü̈tzung der Weltbank.
Erwin Wagenhofer
geboren 1961 in Amstetten,
lebt seit 1980 in Wien und ist seit 1987 Filmemacher. Nach zahlreichen Arbeiten fürs Fernsehen avancierte Erwin Wagenhofers »We feed the world« (2oo5) zum erfolgreich-
sten österreichischen Doku-mentarfilm aller Zeiten. Sein neuer Film »Let’s make MONEY« kommt ab 31. Oktober 2008 in die Kinos. Wagenhofer folgt darin der Spur unseres Geldes, der allgegenwärtigen Gier und der damit verbundenen Zerstörung.