[02-02-2009]
Die Aufgabe der Züchtung ist, Pflanzen zu entwickeln,
die das Lebendige im Menschen fördern.
ReinSaat ist ein Saatgutbetrieb im Waldviertel, der sich die Weiterentwicklung samenfester Gemüsesorten im biologisch-dynamischen Anbau zum Ziel gesetzt hat. ReinSaat betreibt Erhaltungszüchtung zur Bewahrung alter Sorten sowie Neuzüchtung zur Förderung der natürlichen Widerstandskraft, Anpassung an klimatische Bedingungen, geschmacklichen Verbesserung. Im Vordergrund steht die Hinwendung zu den Pflanzen, die Verbundenheit mit allem, was ist, die Weitergabe ererbten Kulturguts.
Das Gespräch mit Reinhild FrechEmmelmann führten Heini Staudinger und Gabi Dorn.
Das Lebensmittel als Mittel zum Leben. Reinhild, deine Arbeit hat genau damit zu tun: mit wirklichen Lebensmitteln, mit Vermitteln, mit dem Leben.
Ich sehe meine Arbeit durchaus als Vermittlungsaufgabe – zwischen der Pflanze und dem Menschen. Es geht darum, das Wesen der Pflanze zu verstehen. Was bedeutet die Tatsache, dass es Pflanzen gibt, für die Entwicklung des Menschen? Welche Gestaltungsmöglichkeiten haben wir? Welchem Zwecke dient es? Unter welchen Meister stellen wir uns?
Wie können wir uns das vorstellen, eine Pflanze gestalten?
Das beginnt mit dem Hinschauen. Um aus Wildpflanzen Kultur-, also Nahrungspflanzen zu entwickeln, wandten sich die Menschen den Pflanzen zu, beobachteten sie, um das Wesentliche, das Spezielle an ihnen zu erkennen. Die Pflanze spricht zu uns, wenn wir uns auf sie einlassen. Es geht darum, sie so zu verändern, dass sie zu ihrer Fülle gelangt, dass sie das, was in ihr angelegt ist, optimal zur Entwicklung bringen kann, und nicht darum, ihr etwas Wesensfremdes aufzuzwingen.
… wie beim Menschen. Im besten Falle fördern wir bei unseren Kindern ja auch die vorhandenen Anlagen – ihre eigenen Talente, Fähigkeiten, Neigungen – und zwingen ihnen nicht unsere Vorstellungen auf.
Ich sehe viele Parallelen in der Entwicklung des Menschen und in der Entwicklung der Blütenpflanzen. Jedes Gemüse gehört zu den Blütenpflanzen. Die Aufgabe der Züchtung ist, Pflanzen zu entwickeln, die das Lebendige im Menschen fördern, die dem Menschen zu seiner Blüte verhelfen. Und das kann, meiner Meinung nach, nur eine Pflanze, die fruchtbar ist, die also die Fähigkeit zur Fortpflanzung in sich trägt; aber niemals eine pollensterile Hybride.
Hybridpflanzen versprechen einen höheren Ertrag und sichern den Saatgutproduzenten das Monopol auf die Sorten. Sie zwingen also die Bäuerinnen/Bauern, Gärtnerinnen/Gärtner, alle, die etwas anbauen, ihr Saatgut zu kaufen, weil sie es selber nicht mehr weitervermehren können.
Ein Samenkorn hat alles in sich: das, was es einmal werden wird, sowie die Fähigkeit, unter den geeigneten Bedingungen dorthin zu gelangen. Es fällt in die Erde und verankert sich zuallererst zum Erdmittelpunkt hin, indem es Wurzeln bildet. Dann wendet es sich dem Licht zu, wächst Richtung Himmel. Es trägt die Orientierung bereits in sich. Der väterliche Same verbindet sich mit der mütterlichen Erde, da wird Leben weitergegeben.
Bei einer Hybridpflanze hingegen wird im Labor der Pollenstaub auf eine Nährlösung gegeben und mittels chemischer Stoffe zum Wachsen gebracht. Es entsteht ein kalmusartiges Geschwulst, das zunächst Blätter ausbildet und danach erst Wurzeln.
Pollensterilität ist ein auch natürlich vorkommender Defekt, der in die Hybride eingekreuzt wird. Durch Inzucht entstehen besonders große Pflanzen, weil die ganze Kraft in die Frucht geschickt wird und nicht zusätzlich in die Samenbildung. Bildet die Pflanze dennoch Samen aus, was gelegentlich passiert, zerfallen die Nachkommen in unterschiedliche Varianten. Die Tochterpflanze ist nicht die gleiche wie die Mutterpflanze. Und da frage ich mich: Was ist das für eine Nahrung, die den Zerfall bereits beinhaltet? Welche Auswirkungen hat es auf die Entwicklung von uns Menschen – geistig, sozial, kulturell, spirituell – wenn wir solche Nahrung zu uns nehmen?
Der Anteil an Hybridpflanzen beim Gemüse ist mittlerweile ziemlich hoch. Wie kann ich beim Einkauf erkennen, was ich da vor mir habe? Auch wenn Bio draufsteht, sagt das noch nichts über das verwendete Saatgut aus, oder?
Es gibt viele Hybridkarotten im BioAnbau, und nur mehr wenige Paprikasorten sind keine Hybriden. Da hilft nur nachfragen, Interesse zeigen, sich nicht einfach irgendetwas unterjubeln lassen. Die Chance, überhaupt eine Antwort zu erhalten, ist in einem kleinen Geschäft oder direkt am Hof natürlich größer als im Supermarkt.
Deine Arbeit umfasst die Erhaltung alter Sorten ebenso wie die Züchtung neuer. Wie geht das vor sich?
Wir hier betreiben einerseits Erhaltungszüchtung, da geht es darum, das, was bereits durch Kulturleistung unserer Vorfahren gewonnen wurde, zu erhalten. Das ist Pflege, Dienst an den Pflanzen, und auch ein sozialer Dienst, ein Dienst für die kommenden Generationen; die Bewahrung von etwas, das auch ein Teil von uns selbst ist, was schon unsere UrUrGroßmütter ernährt und somit auch zu unserer Entstehung beigetragen hat. Das hat viel mit Achtung zu tun, mit Wertschätzung gegenüber jenen, die vor uns waren, mit Demut; wir sind ein Glied in der Kette, nicht die ersten, nicht die letzten, und es obliegt uns, das Übernommene weiterzugeben.
Daneben betreiben wir Neuzüchtung, d. h. wir wenden uns der Pflanze zu, die ein bissl anders ist, bei der wir spüren, sie enthält ein Potenzial, das die anderen nicht haben, und dieses Merkmal steigern wir.
Dabei wird aber nur das verstärkt, was in der Pflanze selbst bereits vorhanden ist. Da kommt nichts von außen dazu.
Genau. Wir nehmen die Pflanze in ihrer ganzen Fülle wahr. Bereits am Feld wird selektiert, zunächst nach dem Aussehen. Zum Beispiel Karotten: Die schönen kommen in den Keller. Zum Verkosten wird das untere Drittel abgeschnitten, auf einer Punkteskala von 1 bis 9 werden äußere Form, Geschmack und Farbe des Fruchtfleischs bewertet. Der Rest, also zwei Drittel der Karotte mit dem Trieb, wird eingesetzt und wurzelt wieder, weil Karotten seitlich Wurzeln bilden. Aus diesen derart selektierten Karotten werden die Samen für die nächste Generation gewonnen, die dann die gewünschten Merkmale in verstärkter Weise tragen. Das Hauptkriterium beim Geschmack ist die Süße. Auch die Reife zeigt sich in der Süße. Gutes Gemüse ist weder übertrieben aromatisch süß noch bitter seifig, sondern ausgewogen und bekömmlich, hat eine angenehme feine Süße.
Das klingt alles sehr zeitaufwendig und nach viel Erfahrung.
Ja, schon. Aber es ist eine sehr schöne Arbeit. Wenn ich mit Heinz1 aufs Feld gehe zum Selektieren, sind wir uns immer einig. Er hat den praktischen Blick, die Erfahrung, viel Intuition. Ich habe den Blick aus der Züchtungsforschung, ich taxiere. Beide haben wir dieselbe Leidenschaft dafür.
… und wie rechnet sich das?
Unser Streben gilt in erster Linie dem Erhalt der Sorte. Dabei machen wir so manches, was sich nie und nimmer rechnet. Der Leiter eines anderen Saatgutbetriebes hat mir unlängst gesagt, Erhaltungszüchtung rentiert sich für ihn erst ab 800 kg verkaufte Samen. Wobei gesagt werden muss, aus 4–6 g Samen entstehen 1000 Pflanzen. Wir betreiben den Züchtungsaufwand schon für 800 g – und das bei 450 Sorten.
Reinhild, wie du es darstellst, fällt eine Gemeinsamkeit zwischen Pflanze und Mensch auf: die Analogie in der Entwicklung, das Streben hin zur Blüte. Zudem sagst du, die Pflanzen schenken den Menschen, was sie für ihre geistige Entwicklung brauchen, für die körperliche sowieso. Und dann gibt es noch den sozialen Aspekt …
Ja, Blütenpflanzen können nicht allein existieren. Sie brauchen für die Befruchtung die Insekten. Hier, bei uns im Betrieb, erfüllen das die Hummeln, die im Gewächshaus für die Befruchtung sorgen. Die Hummeln vertragen die Hitze im Gewächshaus besser als die Bienen. Außerdem machen die Bienen nach zwei Wochen ihren Drohnenflug, und dann wären sie weg. Die Befruchtung muss in unserem Falle isoliert im Gewächshaus erfolgen, obwohl im Freien genug Insekten für eine natürliche Befruchtung da wären, aber draußen könnten wir nur eine Sorte anbauen, weil sich mehrere Sorten verkreuzen würden.
Eine weitere Schwierigkeit entstand durch den verstärkten Rapsanbau – übrigens konventionell gespritzter Raps für sog. »Bio«-Diesel (!), von der EU gefördert –, der zur starken Vermehrung des Rapsglanzkäfers führte. Dieser frisst die Blüten nicht nur vom Raps an, sondern auch von anderen Pflanzen. Deshalb isolieren wir.
Wie schaut’s eigentlich aus mit der Vielfalt? Insgesamt entsteht zwar der Eindruck, es gäbe viel mehr als früher, gleichzeitig aber verschwinden viele alte Sorten.
Vielfalt entstand dadurch, weil Pflanzen in bestimmten Regionen stabil wurden. Sie wurden gehegt und gepflegt, teils weil die Bevölkerung auf das eigene Saatgut angewiesen war, teils aus Verbundenheit und Zuneigung und aus gärtnerischer Liebhaberei. Die ständig neuen Sorten der großen Saatgutfirmen sind nur eine scheinbare Vielfalt. Da wird ständig irgendwas eingekreuzt, immer neue Resistenzen. Schnelllebig, auf Ertrag ausgerichtet, verschwinden sie meist bald wieder. Heute dominieren Einheitssorten in großer Menge.
Woher kommt deine Leidenschaft für diese Sache? Was treibt dich?
Hhmm … Wenn man einmal damit angefangen hat, gibt es offenbar kein Zurück mehr. Wenn du die Zyklen von Pflanzen einmal miterlebst und dann diese Steigerung im Werden über Jahre mitverfolgen kannst, ist das faszinierend, beeindruckend und berührend. Die Schönheit der Natur ist überwältigend, und wir sind ein Teil davon. Ich mache diese Arbeit mit Liebe, in Verbundenheit und Hingabe. Es steckt aber auch eine Verantwortung darin, es ist ein Geben und Nehmen, auch zwischen den Generationen. Es ist beglückend für mich, hier eine sinnvolle Arbeit verrichten zu dürfen. Das ist einfach wundervoll.
Es gibt Pläne, euren Betrieb, eure Arbeitsweise einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. BiologieStudentInnen, denen die Lehre an der Uni zu praxisfern ist, BotanikerInnen, die ihr Wissen anwenden bzw. erweitern wollen …
Ja, wir träumen davon, hier ein biologischdynamisches Forschungsinstitut einzurichten. Mit freier Aufgabenstellung, unabhängig von wirtschaftlichen Interessen. Denn langfristig ist nur die biologische Landwirtschaft zukunftsfähig. Das steht übrigens auch in einer Erklärung der UNO aus dem letzten Jahr.
»Tradition ist die Weitergabe des Feuers, und nicht die Anbetung der Asche«, hat Gustav Mahler gesagt. Insofern möchten wir das Feuer weitergeben. Es ist unsere Aufgabe, darauf zu achten, dass es nicht erlischt.
Im modernen kapitalistischen Sinne dürfte es Euch ja gar nicht mehr geben. Wirtschaftlich seid ihr ein Überlebenswunder. Welche Perspektiven hast du für die Zukunft?
Wir erhalten eine öffentliche Förderung, die aber bei weitem nicht ausreicht. Unsere Erhaltungszüchtung rechnet sich nicht und ist dennoch sinnvoll. Viele dieser Gemüsesorten gingen sonst für immer verloren.
Ob wir nun wollen oder nicht, so brauchen wir doch eine neue Lagerhalle. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir den Bau bewerkstelligen könnten. Wir hatten die Idee, unseren Freundinnen und Freunden einen Beteiligungsschein um 1000,– Euro anzubieten. Wir wollen mit unserem Saatgut in 10 Jahren zurückzahlen. Jährlich Saatgut im Wert von 125,– Euro. Jetzt haben wir das Glück, dass viele durch den Brennstoff von unserem Beteiligungsschein erfahren werden. Das macht uns Hoffnung.
Und uns macht Eure Arbeit Hoffnung. Liebe Reinhild, vielen Dank für dieses Gespräch.
Reinhild Frech-Emmelmann studierte Anfang der 70er-Jahre Biologie. Vom Studium war sie rasch enttäuscht. Sie hatte sich die »Wissenschaft vom Leben« anders vorgestellt. So wurde sie Keramikerin. Gemeinsam mit ihrem Mann kaufte sie in den 80er-Jahren einen Bauernhof im Waldviertel, auf dem sie anfangs fast nur Keramik machten. Nach und nach folgte sie aber immer mehr ihrer Leidenschaft, der Gemüsegärtnerei. Aus den ersten Versuchen in der Erhaltungszüchtung von Saatgut für alte und neue Gemüsesorten entstand der biodynamische Saatgutbetrieb »ReinSaat« mit heute 15 Mitarbeitern.
Erwerben Sie einen Beteiligungsschein um 1.000,– Euro und beziehen Sie jährlich – 10 Jahre lang – Saatgut im Wert von 125,– Euro.
(Reinhild Frech-Emmelmann, ReinSaat KG, 3572 St. Leonhard am Hornerwald 69, Konto Nr.: 52548; BLZ: 20228, Kremser Bank und Sparkassen AG)
Es gibt keine gesünderen Gemüse- und Blumensamen als ReinSaatSamen. Katalog anfordern. Oder ins Internet schauen: www.reinsaat.at
GärtnerInnen-Seminar mit Reinhild Frech-Emmelmann
Wer mehr über Gemüse erfahren möchte, das süß, belebend und nahrhaft ist, kann am Seminar im Rahmen der GEA-Akademie am 14. März '09 teilnehmen.