[02-02-2009]
Wie wir alle in der Wüste versucht werden
In allen Religionen, besonders im Judentum und seiner christlichen Aus- und Überformung herrscht der Surrealismus – wir könnten auch sagen: der Phantastische Realismus. Dazu gehört auch, dass G’tt1 für Christen Lebensmittel ist, Lebensmittel Nummer Eins und schließlich als solches auch leibhaft – in Form von Brot und Wein – genossen wird. Diese Erkenntnis hat uralte Wurzeln: Ich bin Speise jubelt der mit dem Höchsten geeinte Vedische Weise tausend Jahre vor Christus. Der Schöpfer als Nahrung war bereits für die alten Inder eine vertraute Vorstellung.
In den Evangelien spielt der Begriff Artos eine hervorragende Rolle. Er bedeutet im engeren Sinn »Brot«, jedoch auch ganz allgemein Lebens- und Nahrungsmittel. Ich will hier nur eine Geschichte deuten, die von Lebensmitteln und Lebenszwecken handelt …
Endloser Mangel. Um der geheimnisvollen Einheit von Lebensspender und Lebensmittel in G’tt näherzukommen, gehen wir mit Jesus in die Wüste. Dorthin wird er vom Geist nach der Taufe durch Johannes und die Beglaubigung durch seinen himmlischen Vater geführt. Wie im Hebräischen (ruach, fem.) ist der Heilige Geist auch im griechischen Urtext der Evangelien eine Frau: die pneuma. (So wie die Wirkkraft des Gottes im Hinduismus als die Shakti dargestellt wird.) Und wie die lateinische anima bedeuten auch ruach und pneuma Seele-Hauch-Atem in einem. So wird der Menschensohn (Ben Adam) nach der väterlichen Quasi-Adoption im Jordan vom ewigen mütterlichen Lebensatem in die Wüste geführt, in die eremia, von der sich unser Lehnwort Eremit ableitet.
Diese eremia hat im Deutschen viele Entsprechungen: Einöde, Ausdörrung, Auszehrung, der Mangel an sich; aber auch Chaos, Wirrnis, das vorkosmische Tohuwabohu. Das Adjektiv eremos meint auch hilflos, schutzlos, bedürftig.
Als Eremit begibt sich Jesus also ebenso in die äußere und seine persönliche innere Wüste – in die physische, psychische und spirituelle Lebens-Mittellosigkeit. Vierzig Tage verbleibt er so bedürftig.
Auch diese Zahl kommt nicht von ungefähr: Im jüdischen Denken markiert die Zahl »40« so etwas wie subjektive Endlosigkeit: die Scheingewissheit des Depressiven, dass das Elend nie enden wird. Vierzig Tage und Nächte trieb die Arche auf uferlosen Wassern. Vierzig Jahre zog das Volk Israel selbst durch die Wüste, der sich sein Messias jetzt freiwillig ausliefert.
All dies steckt bereits im knappen ersten Halbsatz Matthäus 4,1: »Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt …«
Erster Versuch. »… um vom Teufel versucht zu werden«, heißt es weiter. Nach dem göttlichen Vater und seiner pneuma betritt eine dritte numinose Wesenheit die Szene. Ein diabolos ist ein Verleumder, Wortverdreher, Chaosstifter – eigentlich Sadist, Moralist und Chaot in einer Person, der sich im Tohuwabohu der Wüste zuhause fühlt. Dieser Teufel stellt also den Menschensohn als Mensch auf die Probe um ihn vor Gott als Gott zu verklagen – wieder eine dieser herrlich surrealistischen Passagen der Bibel.
Mit Jesus steht allerdings das Menschenwesen überhaupt auf dem Prüfstand – als einzelnes wie als Gattung, wie ich glaube. Es geht um die abgründige Gefahr, das körperlich-seelisch-geistige Lebensmittel zum Lebenszweck zu erheben.
Nach vierzig Tagen des Fastens hungert Jesum sosehr, dass der Versucher es – wie es sein vom »Geist« vermittelter Job vorschreibt – versucht:
Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden!
Was wäre daran so schlimm? Dass in diesem Fall das Mittel den Zweck entheiligen würde. Diese Gefahr besteht immer und überall: dass wir die natürlichen Bedingungen unserer körperlichen Existenz zu deren Ziel machen. Jesus würde seine höhere Natur in die Waagschale werfen, um seinen physischen Hunger zu stillen. Er würde göttliches Wort (»sprich, dass …«) gegen momentane irdische Sättigung tauschen. Nur so ist seine schlagfertige Antwort zu verstehen:
Der Mensch lebt nicht von Brot (Speise) allein, sondern von jeglichem Wort, das durch den Mund G’ttes geht.
Kurz und knapp: der Mensch isst, dass er ist. Dabei war der Menschensohn überhaupt kein Verächter der zeitgenössischen mediterranen »Heurigenkultur«. In Gleichnissen stellt er das Reich G’ttes immer wieder als Festgelage dar und seine Feinde beschimpften ihn als Fresser und Weinsäufer.
Eine Etage höher. Jetzt versucht’s der Diabolus auf der psychischen Ebene. Wie das »täglich Brot« für den Leib, ist Anerkennung das Grundlebensmittel für die Seele. So drängt der Böse Jesus nach einer tour de force zum Tempel, sich von der höchsten Zinne zu stürzen, denn es steht sowieso fest – gemäß der Schrift – dass sein himmlischer Vater ihn von Engeln auffangen ließe.
Doch auch hier würden Zweck und Mittel pervertiert, würde g’ttliche gegen menschliche Anerkennung eingetauscht. Soziale Beachtung tut zum Gedeihen der Psyche not. Doch sie darf nicht zum Ziel psychischer Existenz werden. Der Versuchte lässt den Versucher abermals abblitzen. Der holt jetzt aus zum Angriff auf die menschliche Geistnatur selbst.
Wer ist der Chef? Es ist eine mehr als auffallende Parallele: Sowohl Satan, der Versucher Jesu, als auch Mara, der Versucher Buddhas, werden als »Herrscher der Welt« tituliert. Was ist aber – die Welt? »Alles was der Fall ist« hat Ludwig Wittgenstein im Tractatus geantwortet. Und hier liegt auch der Schlüssel zur dritten Nagelprobe des in der Wüste darbenden Menschensohnes.
Der Herrscher der Welt zeigt ihm alle Herrlichkeiten des Kosmos, heißt es, und verspricht:
Das alles will ich dir geben, wenn du vor mir niederfällst und mich anbetest.
Der menschliche Geist verlangt brennend nach einem Wirkungskreis, sein Lebensmittel ist die Verwirklichung der Ideen; doch auch das Leben des Geistes (griechisch nous; nicht zu verwechseln mit der pneuma) ist auf ein Ziel ausgerichtet: das Sein selbst.
Seit es Philosophie gibt, kennen wir den Abgrund, der zwischen dem Dass und dem Wie der Welt klafft – dem Sein und dem Seienden.
»Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist«, bekräftigt Wittgenstein,
»Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart sich nicht in der Welt.«
Und für Thomas von Aquin hat G’tt keine Eigenschaften, außer, dass Er IST.
Hier versucht der Versucher also zum dritten Mal Mittel und Zweck zu invertieren. Als Herrscher über die Welt, also über alles, was der Fall ist, als Gott der Fakten, möchte er, dass der Menschensohn die Anbetung – die nur dem g’ttlichen Sein zusteht – zum Mittel gebraucht, um Macht über den Kosmos der Tatsachen zu erlangen; dass das Menschenwesen das Faktische als letztgültig anerkennt. Das ist die extremste diabolische Versuchung, der die seinsblinde Menschheit heute schon fast erlegen ist – nicht aber Jesus, wie wir wissen. Erkenne nur die Fakten vorbehaltlos an, flüstert die magische Stimme, die faktischen Gesetze der Natur, der Geschichte, der Psychologie, des Marktes, erkenne nichts darüber an, und du wirst herrschen über alles.
Zurück zum Ziel. In der Wüste erliegen wir Menschenwesen immer wieder der Versuchung, Lebensmittel – Speise, Anerkennung, Wirkmächtigkeit – zum Lebens-Mittel-Punkt zu machen. Doch damit entkommen wir der Verwüstung nicht – sie dehnt sich nur umso schneller aus, wie schon Nietzsche warnte:
Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt!
Stein knirscht auf Stein, die Wüste schlingt und würgt.
Der ungeheure Tod blinkt glänzend braun und kaut – sein Leben ist sein Kaun.
Vergiß nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht:
Du bist der Stein, die Wüste, bist der Tod!
Die Pervertierung der Rangordnung von Zweck und Mittel trägt alte Namen: Prasserei/Hoffahrt/Machtrausch und neue wie Lebensstandard/Imagepflege/Winner-Qualitäten. Und die äußeren und inneren – landschaftlichen, seelischen, geistigen und geistlichen – Wüsten wachsen. Solange wir das zulassen.
Huhki
1 Wie die frommen Juden, bin auch ich geneigt, die Abkürzung G’tt zu verwenden. Es heißt: »Du sollst dir kein Bild machen« – und gerade der traditionelle Titel des Allerhöchsten ist mit Bildern und Assoziationen überfrachtet. »Ejeh asher ejeh« – »Ich bin der Ich bin« – und sonst nichts!