[05-02-2009]
Was Essen und NichtEssen ausmacht
Nüchterne Zahlen, die die Übersättigung unserer westlichen Gesellschaft spiegeln: In den letzten 50 Jahren ging in Mitteleuropa der Anteil der Lebensmittel an den Haushaltsbudgets von 40% auf rund 10% zurück. Parallel dazu ein massiver Werteeinbruch: Jeder von uns schmeißt pro Jahr einen Monatsbedarf an Nahrungsmitteln – zumeist noch originalverpackt – weg! Auf der anderen Seite erhalten vier Millionen Kinder im deutschen Sprachraum aus finanziellen Gründen kein regelmäßiges Essen mehr – allein in Österreich dümpeln 230.000 Kids an der Hungergrenze dahin.
Es sind unglaubliche 150.000 Tonnen verzehrtaugliche Lebensmittel, die in Österreich den direkten – anstatt den indirekten – Weg zur Kläranlage antreten. Entsprechende Horrorzahlen und -schätzungen gibt es für die gesamte EU; Deutschland: mehr als 5 Mio., Großbritannien: rund 4 Mio. Tonnen! Hauptgrund: Weder in den Regalen des LebensmittelEinzelhandels noch in den privaten Kühlschränken wird das Prinzip »first in – first out« eingehalten. Letztlich passt das Ablaufdatum nicht mehr. Nahrungsmittel werden einfach nicht mehr wertgeschätzt.
Warum denn auch? Was den Anteil der Haushaltsausgaben für Lebensmittel betrifft, verzeichnen wir seit über 50 Jahren einen steten Abwärtstrend. Um 1960 gab eine Familie rund 40% des Einkommens für Speis & Trank aus – mehr als heute ein indischer Haushalt mit 35% oder ein chinesischer mit 30%!
Heute liegt dieser Anteil in Österreich, Deutschland oder der Schweiz je nach Berechnungsart um die 10%. Noch vor kurzem schätzten Prognostiker, dass uns auf Dauer eine Marke unter 5% bevorstünde. Indessen befinden wir uns innerhalb eines historischen Trendbruchs, falls es nicht gar zu einer Wende kommt.
In Österreich leben 200.000 Erwachsene in Armut, d. h., sie können abgetragene Kleidung nicht ersetzen, die Wohnung nicht warmhalten, nicht auf eigene Kosten für ihre Gesundheit sorgen und sich nicht ausreichend ernähren. Weitere 460.000 ÖsterreicherInnen taumeln gerade in die so definierte Armut.
Wie oft, trifft es vor allem Frauen, Kinder, Alte. Viele greifen auf billiges Junk Food, reich an minderwertigen Fetten und raffiniertem Zucker, zurück. Das Ergebnis: Beispielsweise leiden in Österreich von den Frauen im untersten Einkommensfünftel »satte« 15% an Diabetes, im oberen Fünftel sind es nur 3%. Für 230.000 Kinder geht sich keine vollwertige und regelmäßige Ernährung mehr aus. Beim Abschluss der Volksschule sind bei Kindern aus »armen« Kreisen durchschnittlich 5 Zähne perdu.
Die Ehrfurcht vor dem Essen weist übrigens ein Stadt-Land-Gefälle auf: Im urbanen Bereich werden 12% der Nahrungsmittel direkt entsorgt; in ländlichen Gegenden »nur« 6%. Dass überhaupt die Bestimmung erstklassiger Nahrung in der Mülltonne liegt, hat historische Ursprünge: zu rigide hygienische Vorschriften, Profitgier und der Frischewahn vieler Konsumenten, die das blähende ofenwarme Brot dem bekömmlich gelagerten vorziehen. Ja sogar Rindfleisch, das seine Qualität durch Abhängen – Nachreifung – erhält, wird oft schlachtfrisch von kulinarisch Debilen an den Fleischtheken der Supermärkte eingefordert. Die freuen sich über die schnelle Drehung und den damit verbundenen raschen Euro durch Zeit und Arbeitsersparnis.
Während in den USA schon seit 1962 Gesetze in Kraft sind, welche die überzähligen FoodStröme zu den Darbenden umleiten, gilt hierzulande vielleicht Geiz als geil, Armut sicher nicht. Die Kundschaft der zweieinhalb Dutzend »Soma«-Märkte muss zuerst die Schamhürde überspringen. Die Waren stammen meist aus Spenden heimischer Betriebe – wobei die amtlichen Vorgaben erst wieder oft tagesfrische Qualitätsprodukte durch den Rost fallen lassen. Da können Bäckereien und Verbrauchermärkte noch so guten Willens sein – am Ende des Tages lassen sich viele gerade produzierte Waren nicht mehr durch den eisernen Vorhang der Bürokratie schmuggeln.
Immerhin – die Hemmschwelle fällt: Allein der Sozialmarkt Wien verzeichnet pro Monat zusätzlich 2000 neue Mitglieder!
Huhki