[04-08-2009]
Muss sich das Leben wirklich einem Schönheitswettbewerb stellen? Und welche Maße soll es auf den Laufsteg bringen? Huhki hat zwei philosophische Juroren um Auskunft gebeten.
Düstere Ansichten. Mit ganz wenigen Ausnahmen fehlen in der Philosophiegeschichte die Optimisten. Austritt ist Leben, Eintritt ist Tod heißt es schon bei Lao Tse. Und die drei Grundsätze Buddhas lauten: Alles ist leidvoll; alles ist substanzlos; alles ist vergänglich. Damit ist gemeint: das Beste, das wir erreichen können, ist der Nullpunkt, die Freiheit von jeder Qual. Alles, was lustvoll scheint, ist in Wirklichkeit nur Verminderung von Leiden. So gesehen besteht zwischen einem ‚Orgasmus’ und einem kräftigen Niesen ein bloß gradueller Unterschied. Und Sokrates schlug bekanntlich vor seiner Hinrichtung vor: Lasst uns dem Asklepios einen Hahn opfern. Das taten die Griechen, um dem Gott der Heilkunde für die Genesung von einer schweren Krankheit zu danken. Ein gewisser Hegesias war so erfolgreich mit seiner Lehre, dass sich das Leben nicht lohne, dass sich all seine Schüler umbrachten. Hegesias erhielt den Ehrentitel ho peisithanatos, der zum Tode Überredende. Er starb als einziger Vertreter seiner Schule, die mit ihm endete, eines natürlichen Todes. Auch Leibniz’ Diktum, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, macht die Existenz nicht unbedingt zu einer feinen Sache. Wenn die Logik keine bessere zulässt, ist das eher eine Katastrophe.
Überhaupt bleibt eine Redensart wie Das Leben ist schön eine Formel mit zwei Unbekannten. ‚Leben’ auf der molekularen Ebene wirkt allemal interessant – aber schön? Eine blühende Wiese, ein belebtes Gewässer, die weite Savanne kitzeln das ästhetische Empfinden, aber hinter der Staffage herrscht mörderische Erbarmungslosigkeit. Und der Gehalt an Seligkeit einer menschlichen Biographie entspricht im Durchschnittsfall einem Spurenelement. Natürlich gibt es Menschenwesen, für die das Leben subjektiv aus eitel Wonne besteht; man nennt sie heute Maniker und behandelt sie heute zumeist mit Lithium, Carbamazepin oder Neuroleptika. Einer von ihnen, hat es zu einer Zeit, als es diese segensreichen Medikamente noch nicht gab, trotzdem in den philosophischen Olymp geschafft. Bis heute der nahezu einzige Optimist, unter den tiefer Denkenden aller Zeiten. Freilich verdankte er sein Rüstzeug dem radikalsten Pessimisten der Neuzeit.
Der Pferdetrösterer. Am dritten Januar 1889 trat in Turin ein schnauzbärtiger Herr, ein Tourist in Sachen Denken, aus dem Zimmer seiner kleinen Pension. Vielleicht fand niemand an diesem Donnerstagmorgen das Leben schöner, als dieser stämmige, extrem kurzsichtige Teutone. Seit Wochen sang er immer wieder La Vita è bella vor sich hin. In seinem Domizil tanzte er dazu. Nackt, wie seine Zimmerwirtin durch die Schlüsselluke gesehen hatte. Dieser Herr Friedrich hätte gut in den Kreis der anmutigen Warundimädchen gepasst, die gerade ihren fünf Jahre währenden Reigen begonnen hatten. Nur: Nietzsche war ein grauenvoller Tänzer.
Fröhlich die Schönheit des Lebens besingend, schritt er zur Piazza Carlo Alberto.
Er ist es, der mit dem Hammer philosophiert hat: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen”; „Gelobt sei, was hart macht”; „Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker”; „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit”; „Die Schwachen und Mißratnen sollen zugrunde gehen: erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen”; „Mitleid ist das angenehmste Gefühl bei solchen, welche wenig stolz sind und keine Aussicht auf große Eroberungen haben” –
Und all das hat er – oft widerwillig – geschrieben, weil er dem Leben ewige Liebe geschworen hat, weil er es mehr liebt als all seine Weisheit.
O Mensch gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief, aus tiefem Traum bin ich erwacht:
Die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit,-
- Will tiefe tiefe Ewigkeit”-
Das Ja-und-Amen-Lied. Das Leben ist zu schön, um zu irgend einem Detail „nein” zu sagen, sei es noch so grausam. Denn Leben ist Wille zur Macht.
So biegt dieser unbeugsame Jasager um die Ecke zur Piazza. Dort sieht er trotz seiner acht Dioptrien, wie ein Droschkenkutscher sein erschöpftes Zugpferd verpeitscht. Das ist zu viel für den Philo-Rambo, der höchstens auf seine Schreibmaschine mitleidlos eindrischt. Das Weh dieses armen Tieres … will keine Ewigkeit! Weinend fällt er der Mähre um den Hals, trocknet mit seinem Riesenschnurrbart ihren Schweiß und seine eigenen Tränen. Nietzsche hat seinen Verstand verloren und denkt ab nun nur noch mit dem Herzen. Also begann Zarathustras Untergang!
Ein rabiater Gutmensch. Noch bevor Nietzsches Mutter sich in den klaviervirtuosen Pastor ‚verhört’ hatte, der Vater ihres Sprösslings werden sollte, trug ein ebenfalls mäßig bekannter Philosoph im hessischen Frankfurt ein Anagramm in ein Notizbüchlein ein: Anus obit onus abit. Was vornehm übertragen heißt: ‚Vettel abgekratzt, Last abgeworfen’. Zwanzig Jahre hatte Arthur Schopenhauer – der große Weltverächter im Namen des Mitgefühls – der Zugehfrau Caroline Marquardt per Gericht ein Rente zahlen müssen. Der Professor, aufgrund der Welt als Wille und Vorstellung bereits ebenso unbeachtet wie unsterblich, hatte die Dame im Zuge eines Zanks ziemlich rüde auf die Straße gesetzt, eher geworfen. Die Folgen: Knochenbrüche, Nervenrisse, Harninkontinenz, dazu einige Krankheiten, die es heute nicht mehr gibt – wie Mozarts ‚hitziges Frieselfieber’, vor allem aber Arbeitsunfähigkeit. Abgesehen von seiner Neigung zu tatkräftigen Willenskundgebungen wie in diesem (Un-)Fall war Arthur – Sohn einer erfolgreichen Autorin von Schmachtthrillern mit Unhappy-End – ein Lebensfeind wie er im Buch steht (und nur im Buch), die personifizierte Weltflucht auf dem Papier. Lässt Goethe, mit dem der junge Schopenhauer die ‚Farbenlehre’ entwickelte, seinen Mephisto noch moderat verkünden: Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht – drum besser wärs, dass nichts entstünde, erweist sich der junge Radikalpessimist locker als Linksüberholer jedes Geistes, der bloß verneint.
Laut Arthur sollte es nicht nur kein Leben, sondern nicht einmal die Bedingung der Möglichkeit zu so etwas Grauenerregenden geben. Wer ruhig schlafen will, sollte lieber H.P. Lovercraft als Schopenhauer als Bettlektüre wählen.
Wir leben, führt er aus, in der schlechtesten aller möglichen Welten. Wäre sie noch eine Spur mieser, könnte sie nicht bestehen. Denn, das Ding an sich, das hinter den hirnvermittelten raum-zeitlichen Phänomenen lauert, ist blinder, grundloser, zweckloser ‚Wille’, in sich zerrissen, urböse – die Welt also etwas, das niemals sein sollte, eingerichtet zur Maximierung allen Leidens:
‚Das Leben, mit seinen stündlichen, täglichen, wöchentlichen und jährlichen, kleinen, größern und großen Widerwärtigkeiten, mit seinen getäuschten Hoffnungen und seinen alle Berechnungen vereitelnden Unfällen, trägt so deutlich das Gepräge von etwas, das uns verleidet werden soll, dass es schwer zu begreifen ist, wie man dies hat verkennen können und sich überreden lassen, es sei da, um dankbar genossen zu werden, und der Mensch, um glücklich zu seyn.’
Schopenhauer, der Ankläger des Lebens, arbeitet (auch) mit Indizien. Wiegt das Vergnügen eines Tieres, das ein anderes bei lebendigem Leib verspeist, dessen Leiden im geringsten auf?, fragt er. Und er bringt grauenvolle Beispiele, um zu zeigen, dass das Leben nur aus der Distanz, bloß auf der Oberfläche manchmal schön scheint; etwa die australische Bulldog-Ameise: Schneidet man sie entzwei, so geht der Vorderteil mit seinen Zangen auf den Hinterleib los, der sich kraft seines Stachels wehrt – ein Zeichen, wie zerrissen der Wille zum Leben in seinem Innersten ist.
Die Welt ist im Innersten Wille, zersplittert in Myriaden Einzelwesen, die einander bis aufs Blut peinigen. Daher gilt es zu allererst, diese Illusion, die Verschiedenheit der Individuen in Raum und Zeit – das principium individuationis – zu durchschauen, aufzuheben, samt dem Urwillen auszulöschen. Und der Königsweg dazu führt über das Mitleid. Ich bin Du und wir sind in tiefster Wahrheit alle Wesen, alles ‚Seyn’ in einem. All das wies der spätpubertäre Schopenhauer auf, ohne noch jemals die Lehre des Buddha vernommen zu haben. Deshalb nennt man ihn auch den ersten Eurobuddhisten.
Im übrigen nahm es der vitale Arthur mit der praktischen Weltverneinung nicht so genau. Als im Wirtshaus einmal ein Mitgast Zeuge seines legendären Appetits wurde: Sie essen ja wirklich für Zehn, Herr Doktor!, bekam er als Bestätigung: Ja freilich, ich denke ja auch für Zehn!
Sinn oder Zweck: Das ist die Frage. Ich habe Nietzsche als Beispiel übersteigerter Lebensbejahung gewählt; weil er in den Tagen seines beginnenden Wahnsinns nur noch italienische Hymnen auf die Schönheit des Lebens sang. Und weil Roberto Benignis berühmt-berührender Film La vita è bella genau das thematisiert: Lebensfreude mitten im Grauenhaften. Für alle, die den Film nicht gesehen haben: Der Halbjude Guido spielt seinem kleinen Sohn im KZ mit Erfolg vor, dass alles Entsetzliche rundherum nur Teil eines großen Spiels sei. Für mich viel mehr, als bloß eine antifaschistische Parabel: So leben wir fast alle, jetzt, in dieser globalisierten Hölle, jeden Tag.
Aber es gibt noch eine wichtige Verbindung: Guido, dargestellt von Benigni selbst, ist überzeugter Schopenhauer-Fan und benutzt dessen Lehre vom Primat des Willens über die Vorstellung, um sein Kind zu retten. Damit schlägt er aber auch eine Brücke zu Nietzsche.
Um endlich zum Punkt zu kommen: Ich glaube, dass die beiden deutschen Überdenker einem gemeinsamen Irrtum aufsitzen, dass sie alle zwei in eine Denkfalle getappt sind, die der italienische Tragikomiker übersprungen hat.
Nietzsches Karriere als Philosoph begann 1864, als er Schopenhauers frühes Hauptwerk in einem Antiquariat entdeckte:
Hier war jede Zeile, die Entsagung, die Verneinung, Resignation schrie, hier sah ich in einen Spiegel, in dem ich Welt, Leben und eigen Gemüt in entsetzlicher Großartigkeit erblickte.
Schopenhauers geistiger Umsturz bestand darin, dass im Grunde der Welt nicht die Erkenntnis, sondern der Wille herrscht; ‚Wille’ bedeutet hier: Trieb, Affekt, Intuition, Wollust, Wut, Begehren, Libido. Noch Freud hat davon gezehrt. Schopenhauer sieht keinen Zweck in diesem leidvollen Chaos. Nur durch Selbstaufgabe, schrankenloses Mitleid, Ich-Auslöschung gibt es ein Entkommen.
Nietzsche hingegen bejaht diesen absurden Mahlstrom von Kampf, Qual, Vergewaltigung, Ungerechtigkeit, Schmerz. Der Mensch selbst muss als Übermensch Mittel und Zweck des Lebens vorstellen, darstellen und herstellen.
Aber was, wenn der Sinn des Lebens gerade darin besteht, dass es zwecklos ist? Wenn die Frage ‚Wozu das alles?’ am ‚Alles’ windschief vorbeigeht? Kosmos, das hieß den Griechen zugleich Weltall, Schönheit, und Schmuck. Wozu ist Schmuck gut? Liegt nicht der Sinn eines Colliers darin, dass es strahlt?
Zweck lässt sich aussprechen, Sinn nicht.
Ist dies nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand? rätselt Wittgenstein.
Das Leben kennt keine Zwecke. Darin besteht sein Sinn. Und oft erzählt es uns auch einen kleinen Witz mit Pointe. Etwa dass ‚stahlharte’ Philosophen oft zutiefst mitfühlend sind; und andere, vor Mitgefühl überfließende Denker, ab und zu alte Weiber zu Krüppeln schlagen. Papier ist geduldig. Philosophen nicht.
Huhki